Hexenaugen

Aus Faith 2 Fortsetzung von Faith Tochter der Lichten Welt Kapitel 4

Der zweifach schrille Schrei der Weißkopfadler riss Magalie aus ihrer Verzweiflung.  

Sanft entließ der riesige Vogel Faith aus seiner Umklammerung. Magalie hatte ihre Tochter wieder.

Endlich hatte die Muschel sich geöffnet.

Die Magie des Medaillons hatte Magalie die Gegenwart gezeigt, und ihr erlaubt die Zukunft zu beeinflussen. In dem rotglühenden Herzen des Medaillons hatte sie gesehen, dass die Muschel ihre Tochter entlassen würde. Die Fürstin hatte die Adler ausgesandt, um Faith zu ihr zurückzubringen.  

Magalies Hoffnung war es gewesen, Vater und Tochter gemeinsam zurückschicken zu können in die Welt der Sterblichen.

Aber Robert befand sich noch immer in der Höhle hinter dem Wasserfall. Wenn er den Mut nicht fand, durch die Säule aus brodelnd blauem Feuer, die dort in die Höhe schoss, hindurchzugehen, würde er sterben sobald er in seine Welt zurückkehrte. Seit Tagen saß sie vor der Feuerhöhle, die sich hinter dem Wasserfall verbarg. Sie bat und flehte, versuchte ihm Kraft ihrer Gedanken Mut zu geben. Magalie hoffte, dass er ihre Gegenwart spürte.

 

Jetzt allerdings wandte sie sich ihrer Tochter zu, es gab so viel erklären.

Entsetzt hörte Faith ihrer Mutter zu:

„Dein Vater ist zu lange in der „Anderswelt“ geblieben, er war länger als neunzig Tage hier.

Und es gibt nur eine Möglichkeit ihn von dem Fluch zu erlösen. Er kann sein Leben zurückbekommen, aber er muss durch das Feuer gehen.“

 

„Aber warum hast du ihn nicht rechtzeitig nach Waldeck gebracht? Du weißt doch, dass er für immer hier bleiben muss oder in unserer Welt stirbt, wenn er nicht rechtzeitig zurückkehrt. In der Feenwelt zu überleben ist für einen Sterblichen ohne magische Fähigkeiten fast unmöglich. Deine Welt Ist schön und erbarmungslos zugleich. Wir können hier nicht bleiben.“

Von der Angst um ihren Vater überwältigt, wurde Faith sehr laut. Sie wollte Magalies Antwort gar nicht hören.

 

Als Robert ihr offenbart hatte, dass ihre Mutter eine Fee sei, hatte sie ihm nicht glauben wollen. Aber die Ereignisse der nächsten Tage und Wochen waren so verwirrend und unheimlich gewesen, dass sie ihm glauben musste.

Alles hatte mit Roberts Entführung durch Leathan begonnen. In der Silvesternacht, in der sie mit ihren Freunden ihren siebzehnten Geburtstag gefeiert hatte.  

Faith war ihrem Vater in die „Anderswelt“ gefolgt um ihn zu suchen.

Und die Prophezeiung zu erfüllen nach der sie, die Tochter einer Fee und eines Sterblichen, die Feenwelt vor Leathan retten sollte.

Sie sollte diese Welt retten, indem sie den kostbarsten und gleichzeitig magischsten Gegenstand fand, den diese besaß.

Ausgerechnet Leathan, der Zerstörer aller Schönheit, mit einem Machthunger, der ihn über Leichen gehen ließ, hatte dieses zauberhaft schöne Schmuckstück besessen. Faith fuhr aus ihren Gedanken, als sie Annabelles Namen hörte.

 

„Sie hat versucht Robert zu sich zurückzuholen. Es hat viel Zeit gekostet Annabelle zu vertreiben.“

Magalie schwieg und sah ihre Tochter abwartend an.

„Mit Robert in ihrer Gewalt“, ergänzte sie, „hätte sie dich erpressen können, das Zeichen der Macht nicht mir, sondern ihr zu überlassen.“

„Macht, Macht, immer geht es hier um Macht. Ich kann es nicht mehr hören.“

Faith starrte ihre Mutter wütend und enttäuscht an.

 

Annabelle, die Zwillingsschwester Leathans besaß wie er diese irritierenden violetten Augen. Das silbern glänzende Haar umfloss lang und glatt ihr betörend schönes Gesicht mit einem Mund der  hinreißend lächeln konnte wenn er wollte.

Aber ihr Aussehen täuschte.

Genauso machthungrig wie er, ging auch sie über Leichen, um zu bekommen, was sie wollte.

Anders als Leathan allerdings war sie eine besessene Bewahrerin der Schönheit.

Krankhaft war ihre Gier danach und natürlich wünschte sie sich nichts sehnlicher als das Zeichen der Macht. Ein geheimnisvolles Medaillon, dessen Schönheit nur Wenige wahrnehmen konnten.

Annabelle konnte dessen zauberhafte Schönheit nicht erkennen, wollte es dennoch besitzen. Faith riss sich aus ihren Gedanken.

„Du hast ihn nicht beschützt.“

Sie konnte sich nicht zurückhalten. So voller Furcht musste sie jemandem die Schuld geben. Was lag näher, als ihrer Mutter diese Vorwürfe zu machen.

„Faith, bitte.“

Magalie streckte die Hand nach ihrer Tochter aus.

„Nein, lass mich. Hol Robert aus der Feuerhöhle, wozu hab ich dir das Medaillon gebracht.“ Gereizt fuhr sie herum, um ihre Tränen zu verbergen.

„Das kann ich nicht, mein Kind. Es würde nichts nützen, dein Vater muss es ohne meine Hilfe schaffen.“

„Wie lange soll er sich noch quälen?“

Faith fühlte sich so hilflos und allein.

„Wäre ich nie geboren. Dann stünde ich jetzt nicht hier und Robert würde ein normales Leben führen können. Du hast es gewusst. Du hast die Prophezeiung gekannt. Niemals hättest du mit einem Sterblichen ein Kind haben dürfen.“

Faith holte tief Luft, ließ aber Magalie nicht zu Wort kommen.

„Du hast in Kauf genommen, dass ich diese verdammte Prophezeiung erfüllen muss. Allein, ohne deine Hilfe. Was bist du nur für eine Mutter.“

Fassungslos hörte Magalie ihre Tochter toben. Alles was sie sagte stimmte, und war doch nicht richtig. Sie hatte Faith immer begleitet, ohne dass diese es merkte, geholfen wo es möglich war.

Aber für das Mädchen musste es so ausgesehen haben, ja.

In den Augen ihrer Tochter hatte sie versagt.

„Du weißt, wie sehr ich deinen Vater liebe. Gefühle sind nicht zu steuern.“

„Rede du nicht von Gefühlen. Hilf ihm.“

Faith wandte sich wieder ihrer Mutter zu. Sie konnte und wollte nicht begreifen, warum Magalie das Medaillon nicht einsetzte, um Robert zu retten.

„Ich will nach Hause. Bring mich von hier weg.“

Sie ging wie eine Furie, mit geballten Fäusten auf die Fürstin los.

Die Adler saßen reglos in der Sonne. Mit ihren weißumrandeten Pupillen beäugten sie das unglaubliche Geschehen.

Magalie legte beide Arme um das tobende Mädchen. Hielt sie ganz  fest.

Eine blaue Wolke hüllte Magalie und Faith ein, erhob sich mit ihnen, und brachte sie zurück in die Welt der Sterblichen.

 

Das Sonnenmal auf Magalies Stirn verblasste. Sie sah auf Faith hinab, die bleich und reglos auf einem Bett in der Krankenstation des Internats lag. Hier würde sich Schwester Dagmar um ihre Tochter kümmern.

Kein Wunder, dieser Nervenzusammenbruch musste kommen. Wenn Faith erwachte, würde sie vieles nicht mehr wissen.

Sie hätte vergessen, dass sie ihre Mutter angegriffen hatte, und tief im Innern die Gewissheit spüren, dass Robert wohlbehalten zu ihr zurückkehren würde.  Irgendwann würde das Wissen um diese Dinge wieder auftauchen, aber jetzt machte ihr das Vergessen die Gegenwart leichter.

Magalie hauchte einen Kuss auf die Stirn ihrer Tochter.

„Du wirst deinen Vater wiedersehen, ich verspreche es dir.“

Leise schloss die Fürstin die Tür.

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3 Gedanken zu „Hexenaugen

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