Mein Stern

 

Kapitel 9 der Fortsetzung von Faith Tochter der Lichten WeltImage

 

Das Labyrinth

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Oskar sah die Ansammlung von Wohntürmen, die mit dem Fels verschmolzen.

Sah Säulen direkt aus dem Gestein gehauen.

Rostfarben und gewaltig.

Er sah die unendlichen Reihen von hohen schmalen Fensteröffnungen. Öffnungen, die sich auch in den Felsen darunter fortsetzten.

Wie tote Augen in dunkler Nacht starrten sie auf ihn herab, drohend und unheimlich. Nur noch wenige dieser schmalen Schlitze in den meterdicken Mauern waren erleuchtet.

Er hatte das Oval eines Gesichts entdeckt, das ihm bekannt vorkam.

Unbeweglich verharrte das Gesicht in einem dieser spärlich erleuchteten Fenster.

Oskar spürte den Blick wie eine Flamme. Seine spitzen Ohren bewegten sich unruhig hin und her. Seine Augen wurden ganz schmal.

„Was ist?“ Wisperte Lilly neben ihm.

Sie folgte dem Blick ihres Gefährten.

„Oh, das ist der Junge, den Leathan geschlagen hat. Ich habe gehört, wie er ihn in die Schattenwelt verbannt hat.“

„Richard.“

Oskar verschlug es die Sprache. Was machte Richard hier?

„Er ist Faith Freund, und der Sohn Leathans.“

Entsetzt sah Lilly Oskar an.

„Das hat mir Faith verschwiegen.“

„Richard ist nicht schlecht wie sein Vater. Er liebt Faith. Wir sollten ihn um Hilfe bitten.“

„Wobei sollte er uns helfen?“

Oskar antwortete Lilly nicht. Vor den beiden tat sich ein dunkles Labyrinth auf. Meter um Meter zog es sich bis zur Burg hin. Je weiter sie den Wegen folgten, desto unübersichtlicher wurde es.

Immer neue Pfade taten sich vor ihnen auf.

Lilly sah zurück und bemerkte entgeistert, dass die tiefen Hecken sich hinter ihnen schlossen. Geräuschlos und langsam schoben sich die akkurat beschnittenen Büsche zu dichten Mauern zusammen.

Dunkles undurchsichtiges Grün.

Als sie sich zu Oskar umwandte war der kleine Elf verschwunden.

„Oskar?“

Sie hörte den schrillen Ton der Klapperer.

Diese winzigen Tiere ließen sich aus Bäumen oder Hecken fallen. Wurmartige Geschöpfe, deren schwarze stecknadelgroße Köpfe in einem langen fleischfarbenen Rüssel endeten.

Eklig, die kleine Hexe schüttelte sich.

Lilly hielt sich beide Ohren zu, und schwang sich in die Luft.

Bloß weg hier.

Aus der Luft würde sie den besseren Überblick haben und den abscheulichen Saugern entgehen.

Lilly wollte Oskar wiederfinden, sie fühlte sich verteufelt allein.

Aber das lebendige bösartige Labyrinth entließ sie nicht.

Kaum hatte sie den Boden unter den Füßen verloren, griffen die Äste der Hecken nach ihr und hielten sie fest. Wütende Peitschen aus Tollkirsche fuhren, giftig und tödlich, aus den Spitzen der Pflanzen hervor und griffen nach ihr.

 

Nachdem er Lilly aus den Augen verloren hatte, glitt Oskar am Fuß der Hecke entlang.  Die Brechnuss, die dort in dichten Büscheln wucherte, nahm ihm schier den Atem.

Dunkle Schatten strichen stöhnend über die graugrünen undurchdringlichen Mauern, die sich immer dichter um ihn schlossen, belauerten ihn. Nicht nur die giftigen Pflanzen nahmen ihm den Atem.

Angst würgte ihn.

 

Richard konnte, wie viele Geschöpfe der „Schattenwelt“, auch im Dunkeln sehen. Er hatte die Bewegung dort unten im Irrgarten, der Fremden leicht zum Verhängnis werden konnte, sehr wohl gesehen. Und er erkannte die Not, in der sich Oskar und Lilly befanden.

Wenn er sie befreien wollte musste er sich beeilen.

Schon krochen die dunklen Schatten der Seelendiebe, mit ausgestreckten gierigen Armen, durch das giftige Labyrinth, um sich die beiden Eindringlinge zu holen. Nichts würde übrigbleiben von dem Glitter und der Hexe.

Richard hatte Oskar erkannt.

Als Leathan seine giftige Saat streute, die tödliche Falle pflanzen ließ, hatte er sich köstlich damit amüsiert, nächtelang von einem der Türme aus zuzusehen wie der Irrgarten sich seine Opfer holte.

Er weidete sich an ihrem Grauen und dem blanken Entsetzen. Wenn sich die dunklen Schemen auf die Verirrten stürzten, leuchteten seine violetten Augen.

Auch nachdem er sich satt gesehen hatte, ließ er den Garten wie er war.

„Ein guter Schutz für uns“, meinte er kalt.

Richard griff sich eine der Fackeln, die in Eisenhaltern an den Wänden steckten und jagte die endlosen Steinstufen hinunter. Solange Dunkelheit herrschte, würden die Schatten im Labyrinth jedes Leben vernichten.

Richard fand den kleinen Glitter verzweifelt nach Luft ringend.

„Lilly“, flüsterte er.

Richard zog Oskar auf den Weg, weg von den giftigen Pflanzen.

„Ich finde sie, warte hier.“

Mit der Fackel, die Richard bei sich trug, entzündete er die Erste der eisernen Feuerschalen. Nackte, aus Eisen gegossene Frauenleiber hielten, mit hoch über den Köpfen erhobenen Armen, die Eisenschalen.  

Wie von Geisterhand übertrugen sich die Flammen auf hunderte dieser mit Öl gefüllten Behälter. Die Irrgärten erstrahlten in ihrem hoch auflodernden Licht. Die jähe Helligkeit vertrieb die tödlichen Schatten, die klagend zerrannen.

Richard fand Lilly hoch oben in der Umarmung der bösartigen Schlingen. Sie zappelte und wand sich um den Schlingen zu entgehen. Oskar hatte nicht gewartet. Er war hinter Richard hergeflogen. Jetzt erhob er sich, um  Lilly aus dem Gebüsch zu befreien.

„Mit der Helligkeit verliert der Irrgarten seine Macht.“

Richard sah Oskar fragend an.

„Was machst du hier, wo kommst du her? Zuletzt  hab ich dich bei Magalie gesehen, hast du was von Faith gehört? Und wer ist sie?“ Er wandte sich zu Lilly um.

Lilly empörte sich wütend.

„Du kannst mich ruhig selbst fragen, ich bin des Sprechens mächtig.“ Richard grinste. Sie war eine wirkliche Hexe.

     „Also gut ich frage dich. Wer bist du?“

„Ich glaube nicht, dass es günstig ist hier draußen zu plaudern. Hier gibt es tausend Ohren.“

Nathans ehrfurchtsgebietende Gestalt war so leise aufgetaucht, dass keiner der drei ihn bemerkt hatte. Wie konnte ein solcher Riese sich so unbemerkt nähern?

Mit einer Handbewegung bedeutete er Richard, Lilly und Oskar ihm zu folgen.

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