Kurzmitteilung

 

Silvester

Oma kickte die Holzpantinen von den Füßen und bewegte die Zehen in den dicken Socken.. Eine war grün die Andere von undefiniertem Blaugrau mit einem Stich ins Violette. Nicht die Zehen, sondern die Socken. Sie schnupperte genussvoll an dem Kaffeebecher den sie mit beiden Händen umfasste um sich zu wärmen. Sie stand auf den Stufen, die in den Garten führten. Es waren fast frühlingshafte Temperaturen auch wenn es der 31. Dezember war.

Die riesige Kröte, die in einiger Entfernung saß starrte sie aus hervorstehenden Augen an.

Oma starrte zurück und dachte, wir sind beide nicht mehr wirklich schön, aber ausdrucksvoll. Jeden Morgen standen die beiden sich gegenüber, bis entweder die Kälte Oma ins Haus trieb oder eine zweite Kröte auftauchte. Da Kröte Nummer eins Kröte Nummer zwei nicht ausstehen konnte verzog sich Kröte Nummer eins in ihr Loch und tauchte bis zum nächsten Morgen nicht mehr auf. Heute war es das Telefon, das sie ins Haus holte. Nicht die Kröte, sondern Oma. „Mutter?“

Oma war kurz davor wieder aufzulegen. Wenn ihr Sohn Silvester anrief gab es immer einen Notfall in seiner Familie und sie musste aushelfen.

Sie hatte ihm den Namen Silvester gegeben, weil er nach ihren Berechnungen in einer Silvesternacht gezeugt worden war.

Damals fand sie es witzig ihm diesen Namen zu geben. Als sie feststellte dass ihr Sohn alles nur keinen Witz besaß war es zu spät. Silvester besaß weniger Charme und Humor als Kröte Nummer zwei.

Allerdings war er wesentlich hübscher.

„Mutter, hast Du heute Abend schon etwas vor?“

Ah, dachte Oma eine Einladung, die Neujahrsnacht mit der Familie zu verbringen, wie rührend. Lust hatte sie nicht, lieber würde sie den Abend in Ruhe zu Hause verbringen.

„Nein, wie nett, dass du an mich gedacht hast.“

„ÄÄÄh, also es ist folgendes. Wir sind eingeladen aber unser Babysitter fällt aus und da dachten wir… dachte ich ob du nicht Lust hast mit deinen Enkeln ein Paar Wunderkerzen und…wir würden euch Berliner und…es läuft bestimmt im TV ein lustiges… die Pausen wurden immer länger und die Reden ihres Sohnes immer konfuser.

„Ich habs verstanden“, sagte Oma. „Wann soll ich kommen?“

Das Chaos, das Silvester vorfand, als er gegen drei Uhr in der Nacht mit seiner Frau nach Hause kam, war beträchtlich. Oma lag schlafend mit dem Jüngsten seiner Kinder auf dem Sofa. Die Zwillinge saßen putzmunter vor dem Fernseher. Der Älteste lag tatsächlich im Bett allerdings vollkommen angezogen.

In allen Blumentöpfen staken verkohlte Wunderkerzen. Pappteller, Cola Dosen und Chips bildeten ein wildes Durcheinander auf dem hellen Teppich. Angefressene Berliner klebten auf dem Glastisch.

Nie wieder, so schwor sich Silvester beim Anblick der gesprungenen Kloschüssel,  in der noch die Reste eines Kanonenschlags zu besichtigen waren, würde seine Mutter in der Neujahrsnacht mit den Kindern alleine bleiben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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