Undine

Undine schwamm näher an das Ufer. Silbern glänzten die Pappeln im Schein des vollen Mondes. Silbern schimmerte auch ihr schuppiger Schwanz.

Die Verwandlung geschah im Bruchteil einer Sekunde. Wieder hatte sie sich dem Verbot ihres Vaters widersetzt.     

  Ich möchte nicht wissen was du dazu sagen würdest, Papa.

Sie hätte nicht hier sein dürfen, sich nicht verwandeln dürfen.

Aber der Ruf des Wolfes war stark.

Dunkel hoben sich die Konturen der Raben, die oben auf den Spitzen der Bäume saßen, vom Himmel ab.

Jetzt hörte die Nixe wieder den sehnsüchtigen Ruf des Wolfes.

Er klang verloren und gleichzeitig drängend. Sie kletterte ans Ufer und ging langsam in die Richtung aus welcher der Ruf gekommen war.

Es war schön dieses Tier. Dunkel glänzte das fast schwarze Fell. Blau war sein mörderischer Blick.

Sein muskulöser Brustkorb hob und senkte sich, als er sie zwischen den Bäumen auf sich zukommen sah.

Seine Gier war kaum zu bezähmen. Er hatte die Wahl. Er konnte sie fressen oder lieben.

Die Raben waren unruhig.

Sie wussten in welcher Gefahr dieses Mädchen sich befand. Noch war die Begierde des Wolfes größer als seine Gier nach Blut, aber wie lange.

Dieses Tier, so glaubten sie, war der Schlüssel zu ihrer Erlösung. Würde er sich  entscheiden Undine seine wahre Gestalt zu zeigen? Konnte er das überhaupt selbst entscheiden? Wenn er sie liebte durfte sie bei ihm bleiben und die sieben Raben erlösen.

Wenn er sie tötete, mussten sie für immer Raben bleiben.   

Schaum blühte auf den Wellen, als Undine am Morgen zurückkehrte. Die Wut des Vaters war grenzenlos. Eingeschlossen in den gläsernen Palast am Grund des Meeres konnte sie den Ruf des Wolfes noch hören ihm aber nicht mehr folgen.

Die Raben saßen ratlos auf den Bäumen.

Der Junge mit der Gans unter dem Arm war vergnügt und so heiter wie es nur ein Tölpel sein konnte. Sein armer Kopf konnte nicht unterscheiden wer ihm Wohlwollen entgegenbrachte und wer nicht. Er war nicht weiter verwundert als ihn ein kohlschwarzer Rabe ansprach.   

Er hatte schließlich auch schon mit seiner Gans gesprochen.        

 

  Wenn du mir deine Gans leihweise überlässt, lade ich dich

zu einem Rundflug über diesen Wald ein.   

  Nachdem die Gans ein Ei gelegt hat kannst du sie wiederhaben.

Hier allerdings stutzte der Tölpel jetzt doch.

   Wie willst du mich denn tragen? Ich bin viel zu schwer für dich.

Da kamen die anderen sechs Raben angeflogen. Nun war Hans, so hieß der Junge, einverstanden.

Sechs Raben flogen mit dem Knaben über den Wald, der siebente bewachte die Gans.

Hans war glücklich, als er seine Gans wieder hatte und zog davon.

Die Raben schlugen das Ei auf, das die Gans gelegt hatte und entnahmen ihm einen großen goldenen Schlüssel.

Sieben Raben standen nun mit dem golden Schlüssel, der verführerisch glänzte, am Rande des Gewässers.

  Und was machen wir jetzt? Kann einer von euch tauchen?       Natürlich nicht, wir sind schließlich keine Gänse.

  Wir hätten die Gans behalten sollen.

Angezogen vom Glanz des Goldes erschien eine Königin vor ihnen.

Jedenfalls behauptete sie eine Königin zu sein.

  Könntet ihr euch eventuell von diesem Schlüssel trennen?

  Oh ja, das könnten wir unter einer Bedingung: Du musst auf den Grund dieses Gewässers tauchen und die Nixe mit Hilfe des goldenen Schlüssels befreien. Die Königin willigte in die Bedingung ein.

  Ich bin eine gute Taucherin sagte sie, bevor sie sich in die Fluten stürzte. Die Raben warteten lange. Diese Königin war wohl eine gute Taucherin, aber wieder aufzutauchen schien ihr schwer zu fallen.

Es wurde Nacht. Das Geheul des Wolfes schwoll an und ebbte wieder ab. Dann am Morgen trat ein junges Mädchen aus dem Wald. Sie trug ein Körbchen am linken Arm. An seiner Rechten lief der schöne Wolf. Die Raben hörten wie das Tier ihr dringend riet Blumen für eine alte Dame im

Seniorenheim, die sie dort regelmäßig besuchte, zu pflücken.     

 

  Das würde die alte Frau doch sicher freuen.

Er fragte sie auch nach der Adresse des Heims.

  Nein, ich habe keine Lust auch noch Blumen zu besorgen, erwiderte Rosalie, das Mädchen, aber du kannst mit mir kommen, wenn du willst.

Rosalie setzte ihren Weg fort und bald sahen die Raben nur noch ihre rote Kappe zwischen den Bäumen aufblitzen. Der Wolf war mit ihr gegangen.

  Wenn das mal gut geht sagten die Raben zueinander und blickten den beiden besorgt hinterher.

Sie sahen nicht nur die Kleine verschwinden, sondern auch ihre Felle davonschwimmen.

  Erstens müssen wir die Nixe befreien. Ich frage mich wo die Königin der Taucher bleibt, sagte der Vernünftigste der Rabenbrüder.  

  Zweitens müssen wir den Wolf wieder herbeischaffen, denn er muss sich in die Nymphe verlieben, sonst verfängt der ganze Zauber nicht.

Ergänzte der Zweitvernünftigste der Raben.

  Ich bin wieder da.

Völlig durchnässt tauchte die Königin aus den Fluten auf. Und mit ihr ein riesiger grüner Frosch, der auf dem Kopf eine Krone trug und zwischen seinen Froschhänden eine dicke goldene Kugel hielt, die seinen Bauch kaschierte.

  Und wo ist jetzt die Nixe? Die solltest du doch befreien. Dafür haben wir dir den goldenen Schlüssel versprochen, fragte einer der Raben die Königin.

Die Königin sah den Frosch an.

  Was hat die Nixe gesagt, Liebster? 

„Liebster?“

Der Jüngste der Raben hatte diese taktlose Frage gestellt, bevor ihm einer der anderen den Schnabel zuhalten konnte.

Die Königin schlug züchtig die Augen nieder.

  Es war unsere Bestimmung uns ineinander zu verlieben. Den goldenen Schlüssel will ich einschmelzen lassen um einen gewissen Herrn Rumpel-Stiel auszuzahlen, der mein Kind entführt hat.

Komm Liebster, sie wandte sich wieder an den Frosch.

  Ich werde das Kind adoptieren, quakte dieser wichtig.

  Und wann kommt jetzt die Nixe? Riefen die Raben dem verliebten Paar hinterher.

  Morgen oder Übermorgen, sie wollte sich noch hübsch machen, rief der Frosch über die Schulter zurück.

Es wurde zweimal Tag, bevor Undine wieder auftauchte. Der Mond war immer noch voll. Die Raben waren sehr erleichtert als sie die Nymphe wiedersahen.

  Du siehst sehr hübsch aus, es hat sich gelohnt so lange vor dem Spiegel zu stehen.

Einer der Rabenbrüder war recht verliebt in die Nymphe. Vielleicht konnte er sie dem Wolf ausspannen, wenn er entzaubert war.

  Habt ihr den Wolf gesehen? Fragte Undine.

  Ja, er ist mit Rosalie gegangen, um einen Besuch zu machen.

Undine stöhnte auf.

  Rosalie ist eine Schlampe. Sie treibt es mit jedem. Sie soll sich sogar an den sieben Geißlein vergriffen haben.

  Ach du meine Güte, meinte einer der Raben, das sind doch fast noch Kinder.

Undine war dabei wieder in die Fluten zu steigen, als der schöne Wolf aus dem Wald kam, ohne Rosalie. Er schien erschöpft zu sein, wie man erschöpft ist nach einer ausgiebigen Mahlzeit, oder dem Liebesspiel. Er schleppte sich zum Wasser und trank in langen gierigen Zügen.

Der Vernünftigste der Rabenbrüder näherte sich vorsichtig dem Wolf und flüsterte eindringlich:

  Du solltest dich jetzt mal in die Nixe verlieben.

  Warum sollte ich das tun, wunderte sich der Wolf.

  Damit Undine uns unsere wahre Gestalt zurückgeben kann, antwortete der Vernünftigste der Rabenbrüder.

  Hast du schon mal etwas von einem verliebten Wolf gehört?

Deine Fantasie möchte ich haben. Eine Nixe und ein Wolf, du hast sie ja nicht mehr alle.

  Aber du kannst dich in einen Menschen verwandeln, mischte sich der Jüngste der Brüder ein.

Verblüfft starrte der Wolf ihn an und wischte sich mit einer Pfote über die nasse Schnauze.                 

  Kann ich nicht.

  Kannst du nicht?

Enttäuscht sahen die Raben den Wolf an, der ihre ganze Hoffnung auf ein anderes Leben gewesen war.

  Was machen wir denn jetzt, fragten die Raben.

  Wünsche können nicht immer in Erfüllung gehen, sagte Undine kryptisch und stieg zurück in das Gewässer, aus dem sie gekommen war.

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