Dunkles Moor – Ein Kapitel aus der Fortsetzung – Arbeitstitel – Sohn der Schattenwelt

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Der dunkle Boden täuschte dem ungeübten Auge eine nicht vorhandene Festigkeit vor.
Blasen entstiegen hier und da dem fast schwarzen Untergrund. In der feuchten Luft schwirrten Schwärme schmutziggrauer Teufelsnadeln. Die Insekten besaßen lange giftige Stacheln, ihre nebelfarbenen Flügel waren durchzogen von schmalen Silberstreifen, die sich an den Rändern fortsetzten. Angezogen von Schweiß, setzten sie sich auf jede Kreatur die sich in dieser unwirtlichen Gegend aufhielt.
Und sie stachen unerbittlich zu. Ihre schmalen Körper erinnerten nur noch entfernt an die schillernden Libellen, ihre nächsten Verwandten in der „Lichten Welt“.
Fingerdicke weiße Nattern mit blinden Augen wanden sich durch aufgeweichten Schlamm, in den sich die Wurzeln kleinwüchsiger Föhren krallten. Winzige graue Raupen, übersät mit tausenden giftigen Haaren, überzogen die Bäume mit einer widerlich wabernden, lebendig wirkenden Haut.
Totes Geäst und undurchdringliches Unterholz säumten schmale Wege, die in dichte Wälder führten. Am Rande von dunklen Gewässern wuchsen Felder aus riesigen gefährlich spitzen Halmen. Es roch nach Moder und Fäulnis. Die Pilze, die hier überall aus dem Boden schossen, verströmten einen beißenden unangenehmen Geruch.
Kastor wusste genau wo er seinen Herrn finden würde.
Leathan hatte sich diese Zuflucht nur aus einem Grunde ausgesucht. Niemand würde vermuten, dass es hinter diesem gespenstischen Landstrich noch Leben gäbe.
Lebenswertes Leben. Und wenn doch, würde jeder der seine Sinne beieinander hatte diese schaurige Region meiden.
Nathan, Kastor grinste in sich hinein, sollte er tatsächlich diesen Ort vergessen haben?
Kastor ahnte nicht, dass er genau in die Falle lief die Nathan ihm gestellt hatte.
In seiner Arroganz träumte er davon dessen Platz einzunehmen.

Wer sich unwissend in diese Gegend verlor, büßte meist sein Leben ein. Ein Fehltritt und er versank in schmatzendem Morast.
Das Moor holte sich sein Opfer und ließ es nie wieder los.

Unwiderstehlich sog der Sumpf und schloss sich erbarmungslos über ihm. Leises Brodeln war das Letzte, das die Bedauernswerten vernahmen.
Kastor war mit seinen Männern in Leathans Gefolge einige Male hier gewesen.

Er kannte den Weg und seine Gefahren. Die Seufzer der Toten im Moor begleiteten die Reiter sehnsüchtig klagend und schauerlich zugleich. Und dennoch, wann immer er hier entlang ritt, wünschte er sich woanders zu sein. Wenn der Wind jammernd durch die Skelette abgestorbener Bäume fuhr spürte er die Anwesenheit der Totgeweihten, die in ihren papierdünnen Häuten den Lebenden nachstellten um ihren Atem zu trinken.

Als sie den vertrauten Ruf eines Kuckucks hörte, hatte Valerie für eine Sekunde den Eindruck alles nur zu träumen.
Sie riss die Augen auf. Fast wäre sie im Sattel eingeschlafen. Nein sie hatte nicht geträumt. Grau und trostlos war die Umgebung durch die sie ritt. Die letzten schlaflosen Nächte und die Angst hatten sie fast um den Verstand gebracht.

Der Kuckuck rief immer noch. Sein Ruf klang wie das Echo aus einer anderen schöneren Welt.
Um sie herum dunkle Gestalten auf schwarzen Pferden.
Wie sie selbst waren alle in weite Umhänge gehüllt, um sich gegen die Stiche aschgrauer Libellen zu schützen, die Reiter und Pferde umschwärmten.

Fliegende neblige Pfeile mit Flügeln, dachte Valerie und hob die Hände, um die aufdringlichen Insekten vor ihrem Gesicht, das sie unter einer weich fallenden Kapuze verbarg, zu verscheuchen. Kastors Blick.

Seine nachtdunklen Augen leuchteten, als er Valerie beobachtete, brannten auf ihrer Haut.
Der Hufschlag der Pferde trommelte plötzlich eine sanfte Melodie, die Luft erschien Valerie erfüllt von süßen Düften, die Seufzer, die sie begleiteten, klangen wie ein Versprechen.

Valerie riss sich aus der Umklammerung.
Sie hörte wieder das inzwischen vertraute Schmatzen, das die Hufe der Rappen bei jedem Tritt auf dem morastigen Boden hervorriefen. Roch den stinkenden Atem der Morituri, die sie, in der Hoffnung ein Opfer zu finden, begleiteten.
Valerie ahnte nicht, dass sie eine Stärke besaß mit der Kastor nicht gerechnet hatte.

Sie hatte ihren Geist aus seiner Umarmung befreit.
Sie spürte abermals die namenlose Traurigkeit dieses Ortes, sah die verstümmelten Äste der Bäume in den Himmel ragen.
Der Kuckuck rief noch immer.
Valerie liefen die Tränen über die Wangen, als sie an Bruno dachte. „Wo bist du?“
Sie sehnte sich mit jeder Faser ihres Herzens nach ihm.
Kastor trieb sein Pferd an. Er drängte jetzt zur Eile.
Einerseits ärgerte er sich darüber, dass Valerie sich ihm so mühelos entzogen hatte, andererseits reizte es ihn umso mehr sie für sich zu gewinnen.
Die Dämmerung ging schnell in eine mondlose Nacht über. Er musste sich beeilen wenn er noch heute das Moor hinter sich lassen und in Leathans „Ruine“ ankommen wollte.
Das tödliche Labyrinth mit dem Leathan die Felsenstadt vor unerwünschten Eindringlichen schützte wurde hier ersetzt durch das lebensfeindliche Moor. Kaum jemand schaffte es, den Kreaturen, die hier lebten, zu entkommen. Und wer glaubte es geschafft zu haben, wurde am Ende von den Moorweibern gerufen.
Bezaubernd schöne Gestalten. Ihr Tanz im Wind, ihr silbernes Lachen weckten ein nicht zu bezwingendes Begehren.
Kastor grinste.
Das Letzte was die, die ihrem Ruf folgten, erblicken würden, war die wahre Gestalt dieser Weiber.
Pures Grauen.
Er wendete sein Pferd und ritt bis ans Ende der Truppe.
Einige seiner Begleiter waren noch jung und unerfahren. Er wollte sichergehen, dass sie sich an die Vorschriften hielten. Es war absolut notwendig keinen Schritt von diesem Weg abzuweichen.
Valerie konnte kaum noch etwas erkennen aber ein Lichtschimmer, weit vor ihr, ließ sie aufmerksam werden.
Im schwindenden Licht wurde eine Ruine sichtbar die sich bedrohlich vor dem dunklen Himmel erhob.
Ein Schrei ließ Valerie erstarren.
Valerie drehte sich im Sattel um und versuchte etwas zu erkennen. Die Dunkelheit verhüllte das Moor hinter ihr und erstickte den grauenhaften Laut. Sie spürte wie sie weitergezerrt wurde.
„Sieh nicht zurück. Ihr ist nicht mehr zu helfen.“
Sie hörte was Kastor ihr sagte, aber sie konnte es nicht glauben. „Warum hilfst du ihr nicht?“
Kastor ließ Valeries Pferd nicht los.

„Wer hier nicht auf den Wegen bleibt ist verloren. Niemand kann ihr helfen.“
Wütend und gleichzeitig hilflos ritt sie neben Kastor her.
Was war mit der jungen Fee geschehen?

Die verfallene Ruine, auf die sie jetzt schweigend zuritten, wuchs mit jedem Meter den sie zurücklegten. Sie schien aus sich selbst zu wachsen. Eine lange Reihe schneeweißer Bögen bildeten die äußere Mauer. Einer nach dem anderen wölbte sich vor Valeries ungläubigen Blicken empor. Je näher sie kam desto vollständiger wuchs die Ruine zu einem Protzigen Palast.

Aus bröckelnden Steinen wuchsen acht schlanke Türme, die sich über dem achteckigen Gebäude erhoben.

Was von weitem einer Ruine glich war in Wahrheit eines der gewaltigsten eigenartigsten Bauwerke das Valerie je gesehen hatte. Aus der Nähe wirkte es wie eine prächtige Kathedrale. Hoch aufstrebende Säulen ragten scheinbar bis in den Himmel. Die Fiktion der Ruine schwand und immer noch wuchsen Mauern und Säulen. Hunderte von bemalten Steinfiguren standen auf Mauern, in Nischen und schmückten die äußere Fassade. Die Tore an den Außenmauern waren mit eisernen aufwändig verzierten Gittern verschlossen. Sobald Kastor näher kam hoben sie sich lautlos. Ungehindert ritten sie in die steinernen Gänge hinter den Mauern, während die Eisengitter langsam wieder herabsanken.

Die Pferdehufe auf den Steinen klangen hell und hallte von den hohen Wänden und Decken wieder.
Der Lärm war gewaltig. Das nervöse Wiehern der Pferde mischte sich mit den Rufen der Ankommenden.

Valerie war inzwischen abgestiegen.
Sie hatte ihr Pferd einem der Stallelfen überlassen und war mit den Feen auf dem Weg zu ihrer Unterkunft.
Valerie durchschritt steinerne lange Gänge, lief über gewaltige quadratische Granitplatten. Dunkel und hell im Wechsel. Schachbrettmuster.
Auch hier hallte jeder Tritt und vervielfältigte sich an Wänden und Decken, von denen ihr bizarr verzerrte Fratzen entgegensahen. Bläuliches kaltes Violett erglühte.
Geisterhaft und blass.
Lichtquellen konnte Valerie nicht entdecken.

Weit vor ihr öffnete sich der Weg. Ein kleiner Lichtpunkt schien am Tunnelende wurde schnell größer leuchtender. Blendend breitete sich ein Strahlenkranz aus, wirbelte, tanzte kreiselnd um sich selbst. Blausilbernes Feuerrad.

Valerie schloss die Augen.

Selbst durch die geschlossenen Lider empfand sie die plötzliche

Helligkeit als quälend und schmerzhaft.

Die Lichtfluten erloschen. Ein letzter greller Blitz.

Leathans dunkle Gestalt.
Unter den Wölfen die ihn umringten war Murat der Kräftigste.

 

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